Könnten Sie für sich den Unterschied benennen zwischen dem Alleinsein und dem sich einsam fühlen? In
meiner Praxis werde ich häufig nach den Gründen für das Gefühl der Einsamkeit gefragt. Gern gebe ich hier Sigmund Freud (Das Unbehagen in der Kultur, 1930) wieder, dessen systematische Erfassung seiner Klienten auch für manchen heute eine verblüffende Herangehensweise für die Fragen rund um das Gefühl der Einsamkeit bereithält. Freud notiert: “Von
drei Seiten droht das Leiden: Vom eigenen Körper her, der zu Verfall und Auflösung bestimmt, sogar Schmerz und Angst als Warnsignale nicht entbehren kann.” Die funktionale Sicht von Schmerz und Angst als Wanrsignal nimmt Freud zum Anlaß, sich ganz schulmedizinisch im Dreischritt der med.-physiologischen Aspekte (I), der sozialen Aspekte
(II) und der psychischen Aspekte (III) mit der Einsamkeit auseinanderzusetzen. Er läßt uns weiter über das Leiden wissen: “Von der Außenwelt, die mit übermächtigen, unerbittlichen, zerstörerischen Kräften gegen uns wüten kann” meint hier die sozialen Aspekte (II) um dann die psychischen Aspekte in den Blick zu nehmen: “... und endlich aus den Beziehungen zu anderen Menschen: Fernhalten von den anderen. gewollte Vereinsamung, ist der nächstliegende Schutz gegen das Leid, das einem aus menschlichen Beziehungen erwachsen kann. Man versteht: Das Glück, das man auf diesem Weg erreichen kann ist das der Ruhe. Gegen die gefürchtete Außenwelt kann man nicht anders als
durch Abwendung verteidigen, wenn man die Aufgabe für sich lösen will.” Soweit Freud. Und vielleicht ein auch für Sie hochinteressanter Aspekt, sich doch mit den Hintergründen des Gefühls auseinanderzusetzen. Das, was Sie selbst wahrnehmen, ist quasi die subjektive Seite der Emotion. Diese Emotion ist lediglich ein sich einstellender Zustand, wenn Sie z.B. das Ziel “Nicht-Allein-zu-sein” im Augenblick nicht realisieren (können) und daher frustriert sind. Merke: Sie fühlen sich allein, nicht, sie sind allein. Was fühlen Sie außerdem? Was denken Sie darüber? Was nehmen Sie eigentlich wahr? Die sozialen Aspekte der Fragen vieler meiner Klienten greifen häufig so tief in ein psychisches Grundgerüst, daß der erste Schritt in einer psychotherapeutischen Behandlung oft darin besteht, zunächst sauber zu trennen zwischen den sozialen Aspekten und der psychischen Dimension der erlebten Wirklichkeit. |